21. November 2016 by George Anakin Was mich bewegt 0

Borderline

Borderline

PROJECT ‚BORDERLINE‚ – WIR DÜRFEN NICHT LÄNGER WEG SEHEN

Brennen und verbrennen wir, stülpen unsere Seelen um, ritzen Schreie in die Arme, Lebensnarben, gut verborgen, … bis der Schmerz den anderen ersetzt. Lust zu leben. Lust zu sterben. Fliegen und fallen. Springen und stürzen. Auf Dachkanten balancieren wir, wenn unter uns metertief die Straßen liegen, die uns nicht erschrecken, die uns eher fürchten, und auf den Stufen hinab, wenn die Entscheidungen auf später verschoben sind, klammern wir uns an das Geländer, zittern und können nicht weiter, weil alles so viel, so hart, so großartig, so schrecklich, so trostlos, so überwältigend ist. Alles. Zur gleichen Zeit!

borderlineDort, wo Stürme toben, wo sich Ikonen schwarz verfärben und der Abgrund mit uns wandert, dort vergessen wir, wer wir sind und sehen, was wir sind, bis gierige Klauen sich um unsere Herzen legen, der Druck und die Angst uns den Atem nimmt. Dort ist die Kante zu hoch und unerreichbar, um uns aus dem Loch, das wir selbst sind, zu heben, frei zu sein, lebendig zu sein, einfach zu sein wie all die anderen.

Stumme Schreie, Trägheit, Verlust umwandern uns mit ihren Sensen, auf deren scharfen Schneiden sich die Verzweiflung zerstückelt, reproduziert in den Klingen, die uns auf kalte Fliesen aus den bebenden Fingern fallen, wenn wir blass unser Bild im Spiegel erkennen. Wie ein Ausweg scheint uns die knochige Hand, die die Münze erwartet, für den Bruchteil einer Sekunde. Der schwarze Umhang bewahrt unsere nackte Seele und sickert zugleich wie Pestgestank in uns ein, zersetzt das, was lebt und alles Helle …

Nur Stunden, nur Tage, manchmal nur ein Augenblick umfängt uns die düstere Wolke, in der wir verschwinden, die uns wie ein schützender Mantel umhüllt. In ihr liegen wir geborgen, verzweifelt, verlassen, lauschen auf unseren Herzschlag, der überlaut das Echo vervielfältigt. Wo sich die Kunst überlebt und das Trübe der Tage wie Giftmüll in unsere Lungen absetzt. Wo uns die Angst ihr hässliches Gesicht zeigt und das unsere ersetzt.

Kein Ausweg. Keine offene Tür. Kein Steppenwolf, der uns führen könnte. Kein Trost ist zur Hand, alles nur Worte, nur Kopien, die uns zu erreichen versuchen und uns nichts geben, uns nur ein weiteres schlechtes Gefühl aufbürden. Dann heißt es:. „Sei doch nicht so!“ und „Alles wird gut.“ Und wir hassen, was wir hören, hassen, was wir sehen, hassen, was wir sind. Jetzt, noch mehr, jetzt verdoppelt. Jetzt tausendfach und so intensiv, wie nur die Kunst es ausdrücken könnte. Und ein Schuldgefühl ersetzt die nächste Angst.

Natürlich wissen auch wir, dass all das wieder vorüberzieht, dass wir nicht so sein müssten, dass doch alles … ach so … EINFACH und eingebildet ist, doch diese Momente sind zu mächtig, zu groß, zu einnehmend, als dass wir ihnen so EINFACH entkommen können. Wir fühlen uns aus der Welt geworfen und gleichzeitig zurück in die Welt geschmettert und wundern uns, dass wir immer noch sind, immer noch sitzen und tun und machen. Das, was euch so einfach erscheint, ist für uns jeden Tag eine neue Herausforderung, ein neues Wagnis, weil wir von vorne beginnen müssen, immer wieder, immer aufs Neue, dort, wo der erste Schritt beginnt.

Zaubersprüche gibt es nicht, nichts als Worte, oft so dahingesagt, manchmal so halbherzig, so herablassend, dass die Rasierklinge, mit der wir unsere Arme ritzen, den Schmerz nicht einmal annähernd erreicht. Und wieder grüßen uns die Wände, auf denen sich das alles zum Grab wandelt, dort am Boden unserer Emotionen, wo allein der Körper die Seele ersetzt.

Wie Graffiti gesprüht steht auf Gemäuer geschrieben, was wir sind. Seelisch Gestörte nennt man uns, prägt uns den Stempel auf die Stirn: „Persönlichkeitsstörung“, „Borderline“. Syndrome an Syndrom gereiht. Auf jeden Fall: s e l b s t m o r d g e f ä h r d e t.

Wir leben das Zwischenmenschliche zu intensiv. Zerstören uns selbst, um uns zu spüren. Leiden an Stimmungsschwankungen, Zornausbrüchen, Verlust der eigenen Identität. Die Leere bedroht uns, die Angst, zu versagen, verlassen zu werden, verloren zu sein. Langweile bestimmt unsere Tage, wenn wir uns in unsere Tagträume flüchten, aus denen wir umso zerbrechlicher wieder emporsteigen, nur noch Wir, nur noch ein Rest unseres Selbst, das verzweifelt nach Alltäglichem, nach einem Ausweg sucht, ihn sich auf die Stirn malt, ohne Halt und Ort, um zu übermalen, dass es Krankheit ist. Unsere Schritte werfen lange Schatten und wo wir gehen, schwankt die Welt.

Und wenn für den Augenblick auch alles wieder leuchtet, alles erfüllend ist, voller Ekstase, ein Stück des Himmels sichtbar wird, so blau und strahlend, dass uns die Tränen kommen, dass wir Proust verstehen, der uns davon berichtet hat, auf der Suche nach der verlorenen Zeit, wenn das Abbild des Vorhandenen seine Unermesslichkeit kündet, werden wir ganz, streben unsere Bruchteile wieder zusammen.

Doch auch dann heißt es: „Reiß dich zusammen!“, und wir taumeln gerade noch so aus unserer Verzückung. Übertreibung liegt uns so sehr wie der Terror des Durchschnittslebens den anderen, wie die tiefe Verzweiflung danach. „Reiß dich zusammen!“ echoet es in unseren Schädeln und schon heulen wir Rotz und Wasser, weil wir nicht können, weil es in diesem einen tiefen Moment einfach nicht möglich ist. Denn dieser eine Moment ist ewig, einmalig, wiederholt sich in seiner Ewigkeit einmalig. Alles, was uns dann bleibt, ist zu warten. Abzuwarten.

Wir lassen vorüberziehen, was wie ein Übel darauf folgt, wenn wir voller Hass und Traurigkeit die Welt verfluchen. Was wisst ihr schon, ihr, die ihr Träume habt, Sehnsucht und Verlangen, die ihr eure Ziele steckt, denen wir uns nicht gewachsen fühlen, die wir dennoch eher umsetzen als ihr, weil euch die Träume genügen. Wir aber, wir wollen weiter, höher, tiefer fallen und klagen nicht, denn das ist euer Ventil. Für uns gibt es nur den Schmerz, den verborgenen, den „Ganz-wir-selbst-Schmerz“, den wir erdulden, weil er uns vorantreibt und lähmt, je nachdem, was wir gerade benötigen. Auf, auf – jeden Tag aufs Neue. Sich erheben aus den eigenen Bedingungen, wenn die Schatten ihre Tänze aufführen und die Spiegel beschlagen. Dort, am Rande, stehen wir, ganz Kunst, ganz Leere, verloren und gefunden, das Echo unser selbst.

Sie sagen uns, wir müssen stark sein. Uns aufrappeln. Zeigen, dass wir zu leben verstehen. Nicht, wie es sein muss, nicht nach eigenen Bedingungen, nur so, wie der Baustein ins Gefüge passt. Gesellschaftspflicht und Zwänge fressen uns das Fleisch vom Knochen. Egal, solange wir parieren, solange wir ins Bild gehören und zeigen, wie „Mensch“ zu sein hat. Doch wir fürchten, was wir sind, weniger oder mehr, das spielt keine Rolle.

Wir sind uns eigener Kerker, klammern uns an jedes Lächeln und stürzen tief, wenn sich etwas ereignet, was wir nicht erwarten oder uns verletzt. Wir sehen hinter die Normalität, können schimmernde Welten entdecken, wo ihr nur Stillstand seht, können ebenso nur Dreck und Verfall erkennen, wo ihr so unbekümmert oder fröhlich durch die Straßen schlendert.

Wir – das sind alle.

Wir – das ist Ekstase.

Wir – das ist Schmerz.

Wir – das ist Krankheit.

Wir – das ist auch Leben-Wollen.

Vergesst das nie!

Wir benötigen den Spiegel, der UNS zeigt, wie wir sind. Der EUCH zeigt, wie wir sind. Ein Spiegel, der nun zur Kameralinse mutiert, durch die der Fotograf George A. Rauscher seine Sicht auf die Krankheit „Borderline“ demonstriert, auf das „WIR“, das hier hinausgeschrien wird. Wir blicken in sein Auge und zeigen das Bild, das in einer gehetzten Gesellschaft alltäglich ist und dennoch Tabuthema sein soll, wir heben unsere aufgeschlitzten Arme, zeigen die vernarbte Seele so nackt, wie das Gesicht, auf dem sich die Höhen und Tiefen eines solchen Lebens für immer eingeprägt haben.

— © A. Jagenholz

Ich, als Fotograf, habe die Möglichkeit, mit meinen Fotos die Menschen zu berühren und ihnen einen Anlass zum Träumen oder Nachdenken zu geben. Der Grund, warum wir kein besseres Leben für uns erschaffen können, ist der, dass es bereits perfekt ist. Das Problem ist, dass wir diese Vollkommenheit nicht erkennen…

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